Scheidung führt Frauen in die Armut – neue Studie bestätigt altes Phänomen

24. April 2018 um 14:34 Uhr

Vor nunmehr zehn Jahren wurde das deutsche Unterhaltsrecht verändert, um sich dem wandelnden Gesellschaftsbild anzupassen. Ehegatten sind nun nach der Scheidung für ihren eigenen Unterhalt zuständig. Heute bestätigt eine Studie: Erschreckend oft führt Scheidung Frauen in die Armut, denn diese opfern nach wie vor häufig ihre Karriere für die Familie.

Trotz Reform keine Veränderung bei der Berufstätigkeit von Ehefrauen

Nach der Unterhaltsreform bedeutet eine Scheidung für viele Frauen die Armut.

Nach der Unterhaltsreform bedeutet eine Scheidung für viele Frauen die Armut.

Im Jahr 2008 wurde unter der Federführung der damaligen Justizministerin Brigitte Zypris das Unterhaltsrecht reformiert. In Paragraph 1569 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) steht nun:

„Nach der Scheidung obliegt es jedem Ehegatten, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen.

Dieser „Grundsatz der Eigenverantwortung“ löste ein Unterhaltsrecht ab, das nach Meinung vieler Politiker auf einem veralteten Sozialgefüge fußte. Die Abhängigkeit der Frau vom Mann sei nicht mehr zeitgemäß und dies sollte auch in der Gesetzgebung widergespiegelt werden. Die Verantwortlichen versuchten in erster Linie zu gewährleisten, dass Kindesunterhalt bei der Zuweisung an erster Stelle vor den Expartnern steht. Außerdem sollten Frauen zur Berufstätigkeit motiviert werden.

Doch die Reform verfehlte den gewünschten Effekt: Tatsächlich hat eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstitutes RWI vor Kurzem bestätigt, dass es seit 2018 keine Zunahme der Erwerbstätigkeit von Ehefrauen gab.

Dies bedeutet, dass nach wie vor auch in jungen Ehen das alte Modell vorherrscht, nach dem der Mann in Vollzeit arbeitet und die Frau oft nur in Teilzeit berufstätig ist oder sich ganz dem Haushalt und den Kindern widmet. Im Fall einer Scheidung sind diese Frauen von Armut bedroht. Der einzige Ausweg ist dann oft Hartz 4.

Bei mangelnder Qualifikation bedeutet Scheidung für viele Frauen die Armut

Nach der Scheidung: Bei der Bewerbung haben jahrelange Hausfrauen oft schlechte Karten.

Nach der Scheidung: Bei der Bewerbung haben jahrelange Hausfrauen oft schlechte Karten.

Wer mehrere Jahre lang nicht berufstätig war und durch die Scheidung gezwungen wird, den eigenen Lebensunterhalt wieder selbst zu bestreiten, hat häufig Schwierigkeiten, den Weg ins Berufsleben zurückzufinden. Oft sind bestehende Qualifikationen veraltet und auch die langen Lücken im Lebenslauf sind ein rotes Tuch für Personalabteilungen.

Nach zehn Jahren des „Grundsatzes der Eigenverantwortung“ kommt die RWI-Studie zu dem ernüchternden Schluss, dass „die angezielte Selbstständigkeit der Frauen nach der Ehe […] nicht erreicht“ wurde. In den ersten Jahren nach der Reform kam es sogar zu erhöhten Scheidungsraten, wodurch im Zuge der Scheidung gerade Frauen der Armut ausgeliefert wurden. Der Neuanfang nach der Trennung fällt ihnen aufgrund fehlender Berufserfahrung erheblich schwerer.

Emanzipation zeigt sich dennoch in aktueller Scheidungsstatistik

Ein Lichtblick ist zumindest, dass im Jahr 2018 52 Prozent der Scheidungen von Ehefrauen ausgesprochen wurden. Soziologen sehen darin ein Zeichen dafür, dass eben doch ein beachtlicher Anteil an Frauen finanziell unabhängig ist.

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