Alleinerziehende und Familien reicher gerechnet: Armutsrisiko höher als angenommen

08. Februar 2018 um 18:26 Uhr

Der Armutsbericht der Bundesregierung weist nach Meinung von Experten wesentliche Lücken auf. Die Berechnungsgrundlage berücksichtige nicht ausreichend selbst einfachste Alltagsfaktoren, die gerade auf kinderreiche Familien oder Alleinerziehende zuträfen. Das führe dazu, dass in bisherigen Berichten vor allem Familien oft reicher gerechnet wurden, als sie es tatsächlich sind. Dies ergab nun eine von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegebene Studie der Ruhr-Universität Bochum.

Armutsgefährdung bei weitaus mehr Familien höher als bisher angenommen

Eine neue Studie zeigt auf, dass Familien bislang häufig reicher gerechnet wurden, als sie es tatsächlich sind.

Eine neue Studie zeigt auf, dass Familien bislang häufig reicher gerechnet wurden, als sie es tatsächlich sind.

Der Armutsbericht der Regierung stützt sich im Wesentlichen bei seiner Berechnung auf die standardisierten Vorgaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese ordnet Personen Werte zu, die das Mehr an Einkommen zum Ausdruck bringen, wie viel Geld ihr verglichen mit einem Erwachsenen zustehen müsste, um denselben Lebensstandard zu erreichen:

  • Erwachsener = 1
  • Kind bis 14 Jahre = 0,3
  • ältere Kinder = 0,5

Dabei wird nicht berücksichtigt, wie viele Personen neben den Betroffenen noch im Haushalt leben und wie hoch das Haushaltseinkommen im Einzelfall tatsächlich ist. Alleinerziehende und Familien werden so reicher gerechnet, die Statistik verfälscht. Die Autoren der Studie schildern das Problem hierbei wie folgt:

„Regelmäßig für vier Personen zu kochen oder zu waschen, ist nicht viermal so aufwendig wie für eine einzelne Person; vier zusammenlebende Personen benötigen auch keine vier Wohnungen, keine vier Wohnzimmer, keine vier Esstische und keine vier Autos, um denselben Wohnkomfort oder dieselbe Mobilität zu erreichen wie eine allein lebende Person.“

Sie veranschaulichen die Diskrepanz mit einem einfachen Beispiel: Ein Alleinstehender mit einem monatlichen Nettoeinkommen von 750 Euro hat unweigerlich einen niedrigeren Lebensstandard als eine vierköpfige Familie mit einem Einkommen von 3.000 Euro monatlich. Deren Lebensstandard ist zudem unweigerlich niedriger als der eines Singles, dem 3.000 Euro monatlich zur Verfügung stehen.

Armutsrisiko bei Alleinerziehenden noch höher als bisher angenommen

Nicht nur Familien, auch Alleinerziehende reicher gerechnet: Das Armutsrisiko liege hier sogar bei 68 Prozent.

Nicht nur Familien, auch Alleinerziehende reicher gerechnet: Das Armutsrisiko liege hier sogar bei 68 Prozent.

Nicht nur Familien wurden oft reicher gerechnet. Vor allem bei Alleinerziehenden hat die Studie gezeigt, dass das Armutsrisiko um ein Vielfaches höher ist, als die bisherigen Studien haben erahnen lassen.

Zwar hat auch der Bericht zur Armutsgefährdung der Bundesregierung gezeigt, dass vor allem Alleinerziehende von Armut bedroht sind. Die Zahl der Betroffenen liegt nach neuer Einschätzung weit höher.

Die Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass allein das Armutsrisiko bei Alleinerziehenden mit einem Kind mehr als 20 Prozent höher liegt, als bislang angenommen – mithin nicht bei etwa 40, sondern tatsächlich 68 Prozent.

Mögliche Gründe für das erhöhte Armutsrisiko können hier z. B. sein:

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